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Geschichte der Gehörlosen

Die englischen Worte Deaf History bedeuten im Deutschen soviel wie Geschichte der Gehörlosen .

Wir leben in einer anderen Welt, die auch Geschichte hat. Das Leben ist nicht einfach!

Samuel Heinicke Eduard Fürstenberg Pedro Ponce de Leon Charles-Michel de l'Epée
       
Roche-Amboise Sicard Thomas Gallaudet Tommaso Silvestri Helen Keller
     
Anne Sullivan Macy      
       

 
Die Geschichte der Gebärdensprache -
von der Römerzeit bis heute
von Jochen Muhs

Die Geschichte der Gebärdensprache ist auch eine Geschichte der Gehörlosen.

lm 18.Jahrhundert entstanden durch den Aufbau der Gehörlosenschulen in Frankreich und Deutschland erste Gehörlosen-Gemeinschaften. Die Gehörlosen galten bis dahin vorwiegend als geistlose Taubstumme"....
 
 

Prof. William Stokoe



Mit William Stokoe kam der Durchbruch
Das 19. Jahrhundert ermöglichte den Gehörlosen, sich durch Schulbildung weiter zu entwickeln und sich besser in die Gesellschaft einzugliedern. In den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts beschrieb William Stokoe (USA) erstmalig die sprachliche Struktur von Gebärden und zeigte damit, dass die Gebärdensprache eine vollwertige Sprache ist.

 

Mit der Aufwertung der Gebärdensprache durch Stokoe und der Eröffnung des „Zentrums für Deutsche Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser" an der Universität Hamburg 1987 durch Professor Siegmund Prillwitz begannen die Gehörlosen, sich für ihre Geschichte zu interessieren.

Mit der Aufwertung der Gebärdensprache durch Stokoe und der Eröffnung des Zentrums für Deutsche Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser" an der Universität Hamburg 1987 durch Professor Siegmund Prillwitz begannen die Gehörlosen, sich für ihre Geschichte zu interessieren.

Altertum
Der griechische Philosoph Aristoteles bezeichnete im 3. Jahrhundert v. Chr. die gestikulierenden tauben und stummen Menschen als Wilde. Er sagte: Das Gehör ist der Sinn des Unterrichts, die Vorbedingung des Lernfähigen, die Pforte des Geistes! Wer des Gehörs entbehrt (= wer nicht hören kann), ist bildungsunfähig". Aristoteles Worte wurden lange überschätzt und waren ein hartes Urteil für Gehörlose bis zum Mittelalter.

Die Römer benutzten die Gebärdensprache", um sich in den zahlreichen Ländern, die sie besetzten, verständigen zu können.

Mittelalter
Im Zuge der Verbreitung des Christentums mit seinen moralischen Werten wie Barmherzigkeit und Nächstenliebe wurden Gehörlose mehr beachtet. Der heilige Jerome von Palästina stellte fest, dass man Gehörlosen mit Hilfe der ganzkörperlichen Bewegungen das Evangelium zugänglich machen konnte.

Die Kirchenväter überlegten in Konzilen, ob man Gehörlose mittels der Gebärdensprache zum Abendmahl zulassen kann. Papst Innozenz III. gestattete den Gehörlosen die kirchliche Heirat, wenn sie die
Heiratszeremonie durch Gebärden vollzogen.

Der spanische Geistliche Bonaventura benutzte bei der Beichte das Fingeralphabet, damit Gehörlose und Schwerhörige nicht schreien mussten und so das Beichtgeheimnis gewahrt werden konnte.

Die Äbtissin Scholastica des Stiftes Gernrode im Harz erteilte angeblich einer jungen gehörlosen Frau mit Gebärden Unterricht.

Im Mittelalter durften die Trappisten-Mönche einiger spanischer Klöster auf Grund ihres Ordensgelübdes nicht sprechen. Sie verwendeten daher eine Gebärdensprache, die von dem Mönch Yebra entwickelt und zeichnerisch festgehalten wurde.

Der Mönch Pedro Ponce entdeckte Lernfähigkeit bei jungen Gehörlosen
Wohlhabende Adelsfamilien ließen im 16.Jahrhundert auch ihre gehörlosen Kinder vor Klöstern aussetzen, um eine Heirat zu verhindern. Durch Heirat innerhalb der Familien des spanischen Adels wurde durch das Aufeinandertreffen kranker Gene so mancher Nachkomme gehörlos. Die Stammtafel der Familie deValasco weist sieben Gehörlose aus. Diese gehörlosen Nachkommen wurden alle in dem Kloster erzogen, in dem auch der Mönch Pedro Ponce de Leon (1513 ? - 1584) lebte.

Die bis dahin geltenden Vorurteile über die geistarmen" Gehörlosen konnten nach Ponces missionarischer" Lehrtätigkeit widerlegt werden. Der Mönch Ponce versuchte, gehörlose Jungen zu unterrichten und stellte dabei fest, dass sie lernfähig waren. Ponce benutzte im Unterricht das von Yebra entwickelte Fingeralphabet.

Dass Ponce Gehörlosen das Sprechen, Schreiben und Lesen lehren konnte, sprach sich sehr schnell und weit herum. Durch den Niedergang Spaniens geriet sein Unterricht jedoch in Vergessenheit.

Ganz wenige Gehörlose schafften den Sprung in die etablierten (hier: angesehenen) Schichten. L. de Velasco, eine Person von großer Bildung, lebte am spanischen Hof. Von ihm stammt die Äußerung: Ich bin nicht stumm, sondern nur taub."

Erste Lehrer in Frankreich
Der Gehörlose E. de Faye war vermutlich der erste französische Gehörlosenlehrer. Der Portugiese Pereire begann in Frankreich mit Erfolg den Unterricht der Lautsprache und war dann der Gegenspieler des Abbé de l'Epée. Der gehörlose Buchbinder Desloges unterstützte mit seiner Schrift die Unterrichtsmethode de l'Epées in Gebärdensprache und mit Fingeralphabet.

Beginn der Schulbildung für Gehörlose in Frankreich...
Abbé de l'Epée (1715-1789) lernte 1760 in Paris zwei taubstumme" Mädchen kennen und eröffnete zehn Jahre später die erste Gehörlosenschule der Welt. Die Schüler wurden in Gebärdensprache, mit Fingeralphabet und in Schriftsprache unterrichtet. In den Wirren der Französischen Revolution wurde die Schule dann durch staatliche Mittel finanziert.

.... in den USA
Einige französische gehörlose Schüler wie zum Beispiel Massieu, Clerc und Berthier wurden Lehrer. Clerc siedelte auf Anregung von Thomas Gallaudet nach Amerika über und setzte seinen Unterricht dort fort. In Edinburgh (Schottland) gab es bereits seit 1835 eine Kirche für Gehörlose.

... und in Deutschland
Fast zu gleicher Zeit wie de l'Epée unterrichtete Samuel Heinicke (1727-1790) in Eppendorf bei Hamburg Gehörlose und gründete die Taubstummen" anstalt in Leipzig. Er führte den Unterricht in Lautsprache durch. Man nannte seine Unterrichtsweise die deutsche Methode.

Samuel Heinicke stand mit dem Schulgründer Abbé de l'Epée in brieflichem Kontakt. Über ihre Unterrichtsmethoden gerieten beide in Streit, da Samuel Heinicke für die orale Unterrichtsform und die Anpassung der Gehörlosen mit ihrem gelernten Sprechen" an die hörende Umwelt plädierte. De l'Epées Ziel war dagegen, durch die Gebärdensprache die geistige Entwicklung der Gehörlosen zu fördern.

Gehörlose Gehörlosenlehrer in Deutschland
In Berlin arbeiteten die Gehörlosen J. Habermaß, K.H.Wilke, D.H. Senß als Lehrer in Gehörlosenschulen, in Leipzig C.W. und CA.Teuscher, F. Rasch und CM. Löwe, in Schleswig O.F. Kruse und Margarete Hüttmann.

Freiherr Hugo von Schütz, ein gehörloser Schuldirektor
Der Gehörlose Freiherr Hugo von Schütz, Schüler von Stork (Wien), gründete 1821 in Camberg eine Gehörlosenschule und war dort sieben Jahre lang als Direktor und Lehrer tätig. Er trat zurück, als der Lautsprach-Unterricht immer mehr in den Vordergrund rückte. Schleswig-Holstein, das damals zu Dänemark gehörte, führte als erstes Land die Schulpflicht für Gehörlose ein.

Verschiedene Länder übernahmen die französische beziehungsweise die deutsche Unterrichtsmethode. Die Schulen waren sich uneinig, welche Form die bessere und richtigere für Gehörlose war. In den gehörlosenschul-politischen Anfängen konnte man sich nicht entscheiden, welche Richtung die richtige war. Oder man lehnte die Gebärdensprache ab, um die Pädagogen nicht zusätzlich zur Fortbildung zu zwingen.

Der Mailänder Kongress und seine Folgen
1880 kamen 255 europäische und amerikanische Lehrer, darunter waren zwei Gehörlose, zu einem Kongress in Mailand zusammen, um über die weitere Entwicklung des Gehörlosen-Unterrichts zu diskutieren.

Viele Länder, außer Amerika, entschieden sich für die orale Unterrichtsform. In Mailand hatten die Gebärdensprach-Unkundigen entschieden. Die gehörlosen Lehrer in Europa wurden pensioniert, entlassen und nicht mehr eingesetzt.

Viele Pädagogen erkannten damals nicht, dass die Gebärdensprache durch viele Ausdrücke, Gesten und Mimik sehr reich an Variationen und Ästhetik ist. Die Proteste - unter anderem durch Kongresse der Gehörlosen, viele Schriften wie beispielsweise die von Direktor Heidsick von der Breslauer Gehörlosenschule und der Gehörlosen-Organisationen - waren vergeblich.

Durch den Mailänder Beschluss verloren die Gehörlosen ihre Identität und wurden zu Trittbrettfahrern der hörenden Gesellschaft.

Gebärdende Gehörlose galten als primitiv oder dumm
Gehörlose, die die Gebärdensprache benutzten, galten als primitiv oder dumm. Sie wurden verunsichert und gingen in den Untergrund", das heißt, sie zogen sich mit ihrer Gebärdensprache in die Vereine und in die Kirchen zurück. Die Kirchen beider Konfessionen lehnten die Methode der Schulen ab, die Geistlichen predigten weiter in Gebärdensprache.

Entwicklung der Gehörlosen-Organisationen
Gehörlose gründeten in Berlin den ersten Gehörlosenverein Taubstummenverein Berlin 1848" und machten Eduard Fürstenberg zu ihrem Vorsitzenden. Fürstenberg organisierte 1855 das erste Gehörlosen-Kirchenfest. Die Teilnehmer erhielten ab 1868 freie Bahnfahrt. Aus dem Kirchenfest wurde 1873 der I. Deutsche Gehörlosen-Kongress, der später auch international wurde. Sechs weitere Kongresse folgten.

Die Gehörlosenvereine gründeten 1927 den Reichsverband der Gehörlosen in Deutschland" (ReGeDe). Nach der Machtergreifung der NSDAP am 30. Januar 1933 begann ein tragischer Abschnitt in der Gehörlosen-Geschichte.

Der Neubeginn
Der amerikanische Linguist William Stokoe (USA) veröffentlichte bereits 1960 eine Schrift über die Gebärdensprache und baute damit einige der bis dahin bestehenden Vorurteile ab. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde die Gebärdensprache als eine primitive Sprache der Gehörlosen angesehen.

Bernd Rehling (schwerhörig, Bremen) und Wolfgang Schmidt (gehörlos, Hamburg) erhielten 1981 bei einem Austauschprogramm in der Gallaudet-Universität Informationen über die Amerikanische Gebärdensprache (ASL). Die Gehörlosen nahmen Kontakt zu Professor Prillwitz auf und diskutierten mit ihm über die in Deutschland gebräuchliche Gebärdensprache und ASL.

1982/83 gründete Prillwitz die Forschungsstelle an der Universität Hamburg. 1985 wurde beim Hamburger Kongress erstmalig über die Grammatik der Gebärdensprache referiert. Es war die Geburtsstunde der Deutschen Gebärdensprache (DGS). 1987 eröffnete die Universität Hamburg das Zentrum für deutsche Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser". Damit begann man, die Akzeptanz der DGS als eine Sprache wie jede andere zu fordern.

Die gesetzliche Anerkennung der Gebärdensprache
Das Europäische Parlament der Europäischen Gemeinschaft hat 1988 eine einstimmige Entschließung zur Anerkennung der nationalen Gebärdensprache Gehörloser gefasst. Das war der wichtigste Schritt seit dem Mailänder Beschluss von 1880.

Der Deutsche Gehörlosen-Bund beschloss 1990 mit den Delegationen aus Ost und West die Anerkennung der Gebärdensprache". 1991 begann in Berlin das Gebärdensprach-Festival um die Goldene Hand".

Die Gebärdensprache steht jetzt am Beginn einer neuen Wertschätzung, vor allem auch deshalb, weil sie seit dem 1. Mai 2002 in der Bundesrepublik Deutschland gesetzlich anerkannt ist.